Halb elf abends. Du liegst auf dem Sofa, das Handy in der Hand, und scrollst dich durch den Feed, weil du zu mĂŒde bist, um irgendwas anderes zu machen.
Und dann kommt sie. Frau in Leinenkleid, weiches Licht, sie knetet Sauerteig in einer KĂŒche, in der nichts rumsteht. Im Off erzĂ€hlt sie, wie glĂŒcklich sie ist, seit sie âeinfach nur Ehefrauâ ist. Keine Mails, kein Kalender, kein Kita-Chaos. Nur ein Tag, der einen Anfang und ein Ende hat.
Du scrollst weiter. Aber irgendwas bleibt hÀngen.
Woher der Trend kommt
Der Ursprung der Tradwife Bewegung ist nicht harmlos. Sie kommt aus den USA und ist eng verwoben mit rechtskonservativen bis rechtsextremen Kreisen. Viele der bekanntesten Tradwife Influencerinnen positionieren sich offen gegen Feminismus, manche haben Verbindungen zu Bewegungen, die klassische Geschlechterrollen als ânatĂŒrliche Ordnungâ verkaufen.
Auch hier in Deutschland gibt es Frauengruppen wie Lukreta, die mit AfD nahen Kreisen verbunden sind und ganz Àhnliche Bilder bedienen
Warum der Trend trotzdem so gut ankommt
Die wenigsten Frauen, die sich zu diesem Content hingezogen fĂŒhlen, folgen einer politischen Agenda. Die haben noch nie was von Lukreta gehört und wĂŒrden sich auch nicht als rechts bezeichnen. Die scrollen einfach durch, sehen eine Frau mit einem Job weniger und denken sich, verdammt, das sieht gerade gut aus.
Fast alle kommen aus einem einzigen Grund
Schau dir die RealitÀt der meisten Frauen an:
Haushalt
Kindererziehung
Job
Alles gleichzeitig.
Man managt 3 Baustellen parallel und wundert sich dann, warum man irgendwann ausbrennt.
Und dann taucht er auf, dieser eine Gedanke: âVielleicht sollte ichâs einfach machen wie meine Mutter oder meine GroĂmutterâ.
Zuhause bleiben, den Laden schmeiĂen, Haus in Ordnung halten. Und am Ende des Tages bleibt wenigstens noch ein bisschen was fĂŒr einen selbst ĂŒbrig.
Ich verstehe diesen Gedanken zu 100%. Wer am Limit lÀuft, sehnt sich nach Klarheit. Nach klaren Rollen, klaren ZustÀndigkeiten, klarem Feierabend. Das Tradwife-Leben klingt verlockend, gerade wenn man seit Jahren zwischen Job, Kita Abholzeiten, Deadlines und WÀschebergen jongliert.
Finanzielle AbhÀngigkeit von Tradwifes
Was in den Tradwife-Videos nie vorkommt: Was passiert, wenn die Beziehung zerbricht.
Niemand plant, sich scheiden zu lassen, trotzdem passiert es. Von tausend heute geschlossenen Ehen werden nach Zahlen des Statistischen Bundesamts rund 284 wieder auseinandergehen, und unverheiratete Paare sind da noch gar nicht mitgezÀhlt.
Wer fĂŒnf oder zehn Jahre zuhause war, verliert dann nicht nur ein Einkommen. Die Rentenpunkte fehlen dauerhaft, und beim Wiedereinstieg sitzt du in BewerbungsgesprĂ€chen und rechtfertigst eine gigantische LĂŒcke im Lebenslauf. Dazu kommt der Teil, ĂŒber den kaum jemand spricht: Wer jahrelang keinen beruflichen Kontext hatte, traut sich vieles schlicht nicht mehr zu.
Die bekanntesten Tradwife Influencerinnen tragen dieses Risiko selbst ĂŒbrigens gar nicht. Ihr Content bringt Werbedeals, Sponsoring, eigene Produktlinien, teils sechsstellige Summen im Jahr. Die Frau, die dir erzĂ€hlt, wie erfĂŒllend es ist, âeinfach nurâ fĂŒr Mann und Haushalt da zu sein, verdient in genau diesem Moment ihr eigenes Geld. Mit genau diesem Video.
Die bessere Lösung
Die Erschöpfung vieler Frauen ist real. Die Lösung heiĂt aber nicht Tradwife. Die Lösung heiĂt: gleichmĂ€Ăige und faire Aufteilung aller Aufgaben. Beide packen an, beide bleiben im Job, beide bleiben finanziell unabhĂ€ngig. Kein RĂŒckschritt in Rollen, aus denen sich Frauen jahrzehntelang herausgekĂ€mpft haben. Klingt erstmal simpel. Ist es aber nicht, und das liegt nicht an fehlendem gutem Willen.
Warum 50/50 in der Praxis so oft scheitert
Viele Frauen sind von klein auf darauf konditioniert, dass SIE fĂŒr Haushalt und Kinder zustĂ€ndig sind. Das sitzt tief. Es Ă€uĂert sich nicht als bewusste Entscheidung, sondern als Automatismus. Man merkt oft gar nicht, dass man die Verantwortung ĂŒbernimmt, bevor man ĂŒberhaupt gefragt wurde.
Und viele MĂ€nner sind genau andersrum konditioniert. Dass sie eben NICHT zustĂ€ndig sind, sondern höchstens unterstĂŒtzen, wenn Not am Mann ist. Auch das lĂ€uft meist unbewusst ab.
Niemand setzt sich hin und entscheidet aktiv, wer welchen Anteil ĂŒbernimmt. Es passiert einfach, Jahr fĂŒr Jahr, bis die Aufteilung zur Gewohnheit geworden ist und keiner mehr hinterfragt, warum sie so ist, wie sie ist.
Wie bricht man das jetzt auf?
Wenn man es wirklich will, kann man den Teufelskreis durchbrechen. Als Basis braucht es dabei aber einen Partner, der mitzieht und der bereit ist, diese faire Aufgabenverteilung zu finden und zu leben.
Macht eine Mental Load Liste. Jede Aufgabe, wirklich jede, landet auf dem Zettel. Nicht nur âWĂ€sche waschenâ, sondern auch dran denken, dass die Waschmaschine repariert werden muss. Nicht nur âKind zum Arzt bringenâ, sondern auch den Termin ĂŒberhaupt erst zu merken. Genau dieses Mitdenken ist der Teil, der bei den meisten Frauen hĂ€ngen bleibt, auch wenn der Mann âmithilftâ.
Verteilt ganze Bereiche, nicht einzelne Aufgaben. Einer ĂŒbernimmt komplett die KĂŒche, der andere komplett die Kinderbetreuung am Nachmittag. Sobald ihr euch bei jeder einzelnen Aufgabe neu abstimmen mĂŒsst, landet die Organisation trotzdem wieder bei einer Person.
Macht Unsichtbares sichtbar. Sprecht konkret darĂŒber, was gerade schieflĂ€uft, statt es stillschweigend zu schlucken oder erst zu explodieren, wenn das Fass ĂŒberlĂ€uft. âMir fĂ€llt auf, dass ich die letzten drei Elternabende allein warâ ist ein Anfang, kein Vorwurf.
Und ganz wichtig: Ein einziges GesprĂ€ch reicht nicht. Die Aufteilung muss regelmĂ€Ăig auf den PrĂŒfstand, weil sich Job, Kinderalter und Alltag stĂ€ndig verĂ€ndern. Was im ersten Babyjahr funktioniert, passt nicht mehr, wenn beide wieder Vollzeit arbeiten.
Fair heiĂt nicht perfekt gleich. Es heiĂt, dass beide sich gesehen fĂŒhlen und niemand heimlich die zweite Schicht ĂŒbernimmt, wĂ€hrend der andere denkt, alles lĂ€uft rund.
Was denkst du?
Schreibâs mir in die Kommentare.
Unsere neue Podcastfolge ist da!
Schau unbedingt rein bei Nicht dein Typ Frau (ĂŒberall da, wo es Podcasts gibt). Alina und ich nehmen echte Storys von echten Frauen auseinander, diese Woche mit drei FĂ€llen, die es in sich haben:
Story #1: Sie trĂ€gt in ihrer eigenen Wohnung, was sie will â auch mal ohne BH. Ihre Schwester findet das respektlos gegenĂŒber ihren mĂ€nnlichen Freunden. Wessen Unwohlsein zĂ€hlt hier eigentlich?
Story #2: Ein befreundeter, deutlich Ă€lterer Kollege wird plötzlich unangenehm sexuell, mitten in einem GesprĂ€ch ĂŒber ihre Einsamkeit. Aus Vertrauen wird Ekel. Was war das?
Story #3: Nach vier Jahren der erste Wutausbruch: Gegenstand durch den Raum, Faust gegen die Wand. Ist das ein Warnsignal oder einfach ein Mann, der an sich arbeiten muss?
Hör unbedingt rein und lass ein Follow da. đ



Es ist wirklich spannend. Gerade vorgestern hatten meine Partnerin und ich ein GesprĂ€ch darĂŒber, dass wir nicht verstehen können, aus welchem Grund Frauen so sehr ihre Autonomie abgeben wollen.
Das Ă€ndert sich natĂŒrlich mit der Perspektive die du drauf gibst, dass es ein Job weniger ist.
Das haben wir als kinderloses Paar eigentlich ziemlich gut im Griff. (Auch wenn uns natĂŒrlich trotzdem Ungleichgewichte auffallen, die wir versuchen anzugehen).
Auf jeden Fall gut, dass du das Thema noch mal auffrischt. Ich fand damals auch den Artikel dazu von The Pink Lemon ziemlich gut: https://thepinklemon.substack.com/p/das-tradwife-paradoxon?r=7uuvil&utm_campaign=post-expanded-share&utm_medium=web
Hattest du dir den auch schon mal angesehen?
Also ich bin Hausfrau đ seit letztes Jahr Oktober . Vorher habe ich wirklich viel gearbeitet , hatte Krebs hab trotzdem gearbeitet . 3 Kinder groĂgezogen und einen Mann gehabt der echt alle red flags dieses Planeten vereint . Dann habe ich mich getrennt und meinen jetzigen Mann kennengelernt , wir haben noch ein Kind bekommen und ich bin weiter arbeiten gegangen . Jetzt wohnt nur noch die kleine ( 20 ) zu Hause und mein Mann hat die ganze Zeit gesagt : bleib zu Hause das ist alles Zuviel fĂŒr dich ( ich hab einen ganzen Haufen Krankheiten ) aber alle anderen: mach das nicht ! Du machst dich abhĂ€ngig ! Und dann hat mein Mann einfach ein Konto eingerichtet mit darauf ein â Gehalt â eingezahlt und meine rentenpunkte bis ich arbeiten mĂŒsste ausgeglichen .
Mein â Gehalt â ist fĂŒr mich ich kaufe damit nicht ein oder so . Und soll ich euch was sagen : ich bin so glĂŒcklich darĂŒber und genieĂe jeden Tag . Jetzt finde ich Haus und Gartenarbeit auch fair weil es mir SpaĂ macht !