Frauen nehmen sich zurück. Immer wieder.
In Beziehungen. Im Job. In ihren Rechten.
Und dann sitzen wir da und fragen uns:
Warum macht die nicht einfach mal den Mund auf? Redet Tacheles? Steht für sich ein?
Ich sag dir warum: Weil uns Frauen eine verdammte GEHIRNWÄSCHE verpasst wurde.
Seit du als Mädchen denken kannst, werden dir Sachen eingetrichtert.
Von deinen Eltern. Der Verwandtschaft. Der Schule. Der Gesellschaft. Meistens von allen gleichzeitig.
Nimm dich zurück.
Sei nicht so laut.
So benimmt sich eine Dame nicht.
Sei fleißig, aber mach kein Aufsehen darum.
Sei nett. Zu allen.
Reg dich nicht so auf.
Sei nicht so anstrengend.
Lächle mal.
Das macht man nicht.
Was sollen denn die Leute denken?
Die ist aber ganz schön wild für ein Mädchen (mein Klassiker aus der Kindheit)
Merkst du was? Kein einziger dieser Sätze bringt dir irgendwas bei.
Sie nehmen dir was weg. Stück für Stück.
Wissenschaftlich dokumentierte Gehirnwäsche
Falls du jetzt denkst, das sei übertrieben: Die Forschung sagt was anderes.
Die Gehirnwäsche beginnt, bevor wir überhaupt sprechen können. In Studien bewerteten Erwachsene ein und dasselbe Verhalten eines Säuglings komplett unterschiedlich, je nachdem, ob man ihnen sagte, es sei ein Junge oder ein Mädchen.
Dasselbe Wimmern.
Beim Jungen: wütend.
Beim Mädchen: ängstlich
Ein Forschungsteam um Lin Bian, Sarah-Jane Leslie und Andrei Cimpian hat 2017 im Fachjournal Science etwas veröffentlicht, das mir bis heute schwer im Magen liegt:
Schon mit 6 Jahren glauben Mädchen deutlich seltener als Jungs, dass jemand ihres Geschlechts - also eine Frau - “richtig, richtig schlau” sein kann.
In der Schule geht die Dressur weiter. Die Koedukationsforschung zeigt:
Jungen werden für ihre Leistungen gelobt.
Mädchen für Wohlverhalten und Ordnung.

Neu hier?
Abonniere jetzt und lerne 1x die Woche über Gleichberechtigung, Care-Arbeit, Mental Load, Parenting, Beziehungen und alles, was dazwischen schief läuft.

Und dann werden aus diesen Mädchen Frauen
Und die Rechnung kommt. Täglich.
In Meetings, in denen Frauen ihre Meinung runterschlucken, weil sie “vielleicht doch nicht so wichtig” ist.
In Mails, die zehnmal umgeschrieben werden, damit sie bloß nicht fordernd klingen.
In jedem “Sorry, nur ganz kurze Frage”, mit dem Frauen sich dafür entschuldigen, dass es sie gibt.
Oder in der Stelle, auf die sich eine Frau nicht bewirbt, weil ihr ein Punkt in der Ausschreibung fehlt.
Die Ökonomin Christine Exley und der Ökonom Judd Kessler haben Tausende Menschen denselben Test machen lassen. Gleiche Aufgaben, gleiche Punktzahl. Trotzdem bewerteten Frauen ihre eigene Leistung durchweg schlechter als Männer. Selbst dann, wenn die Einschätzung an potenzielle Arbeitgeber ging und ein besseres Selbstmarketing sich ausgezahlt hätte.
Und weißt du, ab wann diese Lücke messbar ist? Ab der sechsten Klasse.
Da sind sie wieder, unsere kleinen Mädchen von oben.
Verlernen ist Arbeit
Hier ist die gute Nachricht: Was antrainiert wurde, kann verlernt werden.
Auch wenn es viel Kraft und Selbstreflexion kostet.
Ich habs geschafft.
Seit rund 10 Jahren bin ich konstant am VERLERNEN. Es hat jedoch sehr viel gebraucht, bis ich heute da bin, wo ich bin. Jedes “nimm dich zurück” aus der Kindheit meldet sich nämlich immer dann, wenn ich im Meeting den Mund aufmachen will.
Also besser: Gar nicht erst antrainieren!
Machen wir es den Frauen von morgen bitte leichter. Loben wir Mädchen für ihre Ideen, nicht für ihr Stillsitzen. Lassen wir sie ausreden. Nennen wir sie mutig statt anstrengend. Und hinterfragen wir uns selbst, wenn uns eine wilde Sechsjährige “zu viel” vorkommt.
Lasst uns alle dafür sorgen, dass sie in 20 Jahren nicht denselben Berg 💩 verlernen müssen.
Was denkst du? Welcher Satz hat dich als Mädchen geprägt?
Schreibs mir in die Kommentare
Danke dir.
Deine Sina
Unsere neue Podcastfolge ist da!
Schau unbedingt rein bei Nicht dein Typ Frau (überall da, wo es Podcasts gibt).
Mein Podcastgast Melissa zeigt, wie Vereinbarkeit im Alltag wirklich funktionieren kann. Anhand ihres 2-Säulen-Modells aus “Mut” und “Kommunikation” erklärt sie ganz konkret, was es dafür braucht und wie das in der Praxis aussieht.
Diese Woche:
Story #1: Eine Frau mit Kinderwunsch, deren Karriere gerade richtig durchstartet. Und der Frage, wie sich das beides überhaupt vereinbaren lässt.
Story #2: Eine Ärztin sieht ihren größten Traum gerade zerbrechen. Weil sie Mutter geworden ist. Und ein kinderloser Kollege, den sie selbst eingearbeitet hat, jetzt genau die Beförderung bekommt, auf die sie jahrelang hingearbeitet hat.
Hör unbedingt rein und lass ein Follow da. 👇
Quellen:
Bian, L., Leslie, S.-J. & Cimpian, A. (2017): Gender stereotypes about intellectual ability emerge early and influence children’s interests. Science, 355(6323), 389–391.
Bowles, H. R., Babcock, L. & Lai, L. (2007): Social Incentives for Gender Differences in the Propensity to Initiate Negotiations: Sometimes It Does Hurt to Ask. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 103(1), 84–103.
Hancock, A. & Rubin, B. (2015): Influence of Communication Partner’s Gender on Language. Journal of Language and Social Psychology. (Studie der George Washington University zu Unterbrechungen)
Jacobi, T. & Schweers, D. (2017): Justice, Interrupted: The Effect of Gender, Ideology, and Seniority at Supreme Court Oral Arguments. Virginia Law Review. (Analyse von 15 Jahren Supreme-Court-Protokollen)
DIW Berlin (2026): Gender Pay Gap: Persönlichkeitsmerkmale und Löhne hängen bei Frauen und Männern unterschiedlich zusammen. DIW Wochenbericht 9/2026.
Glassdoor (2022): Umfrage zum Equal Pay Day unter deutschen Arbeitnehmer:innen.
Genderportal der Universität Duisburg-Essen: Sozialisation und Geschlecht. (Überblick zur Koedukationsforschung, u. a. Lemmermöhle 2001, und zu Studien über die geschlechtsabhängige Bewertung von Säuglingsverhalten)



Interessant ist, dass selbst die Kritik an weiblicher Anpassung wieder als individuelle Arbeit formuliert wird. Frauen sollen verlernen, reflektieren und sich neu trainieren.
Die Prägung entsteht im System. Ihre Korrektur wird anschließend zur persönlichen Aufgabe der Geprägten.
Meine Gehirnwäsche war: "Du bist ein Mädchen, du kannst das nicht." Mit dem Resultat, dass ich alles mögliche ausprobiert habe, um zu zeigen, das ich es doch kann.
Meiner Meinung nach müssen wir aber explizit am Verhalten von Jungs, die später Männer werden, arbeiten. Mir fällt nämlich auf, dass aus empathischen, liebevollen und fürsorglichen Jungs spätestens mit dem Eintritt in den Kindergarten hier auch die Gehirnwäsche beginnt. Soll jetzt kein Derailing sein, sondern auch die andere Seite der Gehirnwäsche beleuchten.
Denn egal, was auf der einen Seite passiert, auf der anderen Seite wird es zu einer Gegenreaktion kommen.
Daher besser, beide Seite mit ins Boot nehmen, gründlich über die extrem tief sitzende, weil seit mindestens 6.000 Jahren eingeprügelte, patriarchale Gehirnwäsche aufklären, Frauen wie Männer, Mütter wie "Väter", und neue Modelle entwickeln, wie hier ein Ausstieg passieren kann.